Der Buchdruck ist schon Jahrhunderte vor beginn der neuen Zeitrechnung erfunden worden und die Entwicklung ging in den letzten Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit weiter.

In Gräbern in Theben und Babylon sind Ziegel mit eingeprägten Inschriften gefunden worden, die ältesten noch erhaltenden Zeugnisse des menschlichen Drangs, Worte für die Nachwelt zu erhalten. Pictogramme traten damals stellvertretend für das gesprochene Wort ein.

Gerade einmal 4.000 Jahre später, also heute, verdrängen Piktogramme wieder das gesprochene Wort, da ein lachendes Gesicht universeller zu verstehen ist, als die langvierige Beschreibung eines Lächelns. Natürlich kann ;) nicht vollumfänglich vermitteln, was ein Autor meint, wenn er „… ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel als sie Aufstand und sich mit einem Augenzwinkern zum Gehen wandte …“ schreibt, aber in der heutigen Schriftform reicht gegebenfalls auch ein ;) um eine Bemerkung nicht ganz so ernstgemeint auszuzeichnen.

Aber ob nun langer Text oder Kurznachricht, wir rezipieren die Texte, das geschriebene Wort, mit einer Leichtigkeit und sehen dabei kaum noch die Schrift als Solche. Wenn Apple plötzlich nur noch ein Einstöckiges kleines a verwendet, fällt das den Wenigsten auf, aber für die Jenigen, die ein Auge dafür haben, fühlen sich sofort anders.

Es sind durchaus die subtilen Unterschiede in der Typographie, die unterbewusst das Lesen beeinflussen. Das wunderbare dreistöckige g der Garamond, einer Schriftart die noch heute den klassichen Papierdruck dominiert, gehört zum gewohnten Schriftbild. Es wirkt noch heute zeitlos und modern - auch wenn Claude Garamond diese Schriftart schon 1531 entwickelte. Damals, als es noch den Beruf des „Stempelschneiders“ gab …

Der Papierdruck kann heute auf eine jahrhunderte alte Geschichte zurückblicken und die Methoden und Verfahren haben sich in den letzten Dekaden in einer Weise verfeinert, die über das reine transportieren von Informationen hinaus geht. Schon 1979 brachte die Unendliche Geschichte zweifarbigen Text. Rot und Blau. Reale Welt & Phantasien. Ganze Worte in unterschiedlicher Farbe, unterschiedliche Farben auf einer Seite. Heute sind noch viel raffiniertere Verfahren möglich: UV-Glanz-Lack auf allen i-Punkten oder eine „unsichtbare“ Schrift mit Relieflack zwischen den gedruckten Zeilen, … – für den Papierdruck längst: „Was denkbar ist ist machbar“.

eBooks sind gerade erst dabei die gleichen evolutionären Schritte nachzuholen. Dies geht zum Einen damit einher, dass nicht alles, was auf Papier möglich ist, elektronisch nachgempfunden werden kann. Während beim Papier-Buch ein aufwändigerer Druck sich im Preis diesen einen Buches wiederspiegelt, muss z.b. ein eBook-Reader von Haus aus das Maximal-Set an Funktionen beherrschen, auch wenn der Leser ggf. niemals ein Buch laden wird, dass alle Features nutzt. Daher beherrschen die Hardware-Reader auch nicht „alles was machbar“ ist, sondern nur ein Set an Funktionen, die von der breiten Masse benötigt werden.

Wenn man alle typographischen Rafinessen des Druck-Wesens ebenfalls in eBooks abbilden möchte, ist man gezwungen Vorteile der neuen Technologie aufzugeben. Will man das? Das kommt drauf an.

Ein Lyrik-Werk kann davon profitieren, wenn es als eBook ebenfalls mit der Typographie spielt.

GUID-0D473A2A-13B0-4ECB-A184-D5C07AC2635A_de-DEFür Belletristik sind auch heute auf der breiten Masse an eBook-Readern keine wesentlichen Einschränkungen zu erwarten. Eher im Gegenteil. Was früher als „Fußnote“ am Ende der Seite mehr oder minder offensichtlich war, kann nun den Lesefluss nicht mehr stören. Erklärungen für Fachbegriffe nachschlagen? Nicht nötig - die Worte lassen sich inline im Wörterbuch naschlagen, Fachbegriffe können direkt mit der Enzyklopädie verlinkt und Übersetzungen online verglichen werden. Dieser Insitu-Zugriff auf Wissen und Funktionen öffnet nicht nur den Fachbüchern sondern auch der Belletristik neue Türen. Der Inspektor erinnert sich an einen Fall aus einem anderen Band? Kein Problem. Das Wort des Falls bringt den interessierten Leser auch diese Information näher, wenn er sich nicht - oder noch nicht - mit dem Protoganisten daran erinnern kann.

Fachbücher gewinnen an multimedialen Elementen und Querverweise führen nicht mehr dazu, dass man sich den nächsten Folianten aus dem Regal nehmen muss. Ein Klick - resp. ein Fingerzeig - und man hat die nächste Information aufgerufen und kommt einem Lemma zum Nächsten. Hier wird nicht raffiniert mit der Schrift gearbeitet, aber das Wort wird interaktiver. Lernt, Erbt und entwickelt ein neuen, nicht mehr sequentiellen, Fluss um den Leser zu (beg)leiten.

Wie würde die Unendliche Geschichte mit ihrer zwei-farbigen Schrift heute auf einem Schwarz-Weiß-eInk Display umgesetzt? Die meisten Verlage würde das Gleiche machen, wie im Papier-Druck auch. Sie würde auf die Farbigkeit verzichten. Ich habe eine solche „Neue Auflage“ in der Hand gehabt - und es ist traurig den Text nur Schwarz-Weiß zu sehen. eBook-Reader mit eInk-Displays sind aber, mit ein paar teuren Ausnahmen, schwarz-weiß. Tablets mit stromhungrigen LCD-Displays können Farben, aber wie beim Bergsteigen, muss man auch in der eBook Typographie Rücksicht auf „das schächste Glied“ nehmen. Ich würde die Unendliche Geschichte also typographisch unterscheiden. Nüchterne, serifenlose Schriften für die Realität, und eine Gruppe II Renaissance-Antiqua für Phantasien …